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Impulsgedanken zum Evangelium am 7. Sonntag der Osterzeit:

 

Lesung: Apg 1,12-14


Liebe Schwestern und Brüder,
Brücken - was wären wir ohne sie! Sie helfen, Täler und Schluchten, aber auch Bäche und Flüsse zu überwinden. Brücken verbinden Menschen miteinander - auch über Grenzen hinweg. Spätestens dann, wenn eine Brücke nicht mehr benutzbar ist, weil marode, oder eine Brücke abgerissen werden muss, erkennen wir ihren wertvollen Dienst. Ich denke bei dem Stichwort „Brücke" aber auch an Luftbrücken, wie die Berliner Luftbrücke in den Jahren 1948 und 49, welche Menschen in Katastrophen- oder Kriegsgebieten mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen. „Ein Lied kann eine Brücke sein" hat Joy Fleming 1975 gesungen. Eine Brücke steht für Verbunden-sein, für ein Miteinander, für Gemeinschaft, für Hilfe und Beistand. Das Bild der Brücke ist mir beim Nachdenken über die vergangenen Wochen ist mir in den Sinn gekommen. Wie viele Menschen hatten doch das Gefühl, dass tragende Brücken von jetzt auf nachher verboten, abgebrochen, weg waren?! Kontaktverbot. Mindestabstand - und das auch an Ostern. Andererseits habe ich auch Brücken entdeckt - ganz neue, die es vorher nicht gab, auch bereits bestehende Brücken, die in den letzten Wochen sogar ausgebaut worden sind: die Frau, die für die alte Nachbarin einkauft; ein Anrufer, der fragt, wie es geht; da näht jemand Mund- und Nasenschutze und verteilt sie großzügig; da hält einer bewusst die Abstandsregeln ein, um andere und sich selber zu schützen. Auch in unserer Seelsorgeeinheit wurden Brücken errichtet: Ministranten und Frauen vom Wohnviertelapostolat haben den Oster- und Pfingstgruß verteilt; der Kindergarten St. Bonaventura hat in der Karwoche Steine bemalt, liebe Grüße, die man im Münster mitnehmen konnte; Gemeindemitglieder haben unsere Kirche für die Kar- und Ostertage dekoriert; Palmen und Osterspeisen wurden für die Häuser und Wohnungen gesegnet, das Glockenläuten jeden Abend war eine hörbare Brücke, und auch mediale Brücken wurden neu entdeckt oder verstärkt genutzt. Für Fronleichnam wird es in diesem Jahr sogar einen Gottesdienst geben, der u.a. auf YouTube mitgefeiert werden kann. Und momentan brennt am Marienaltar eine Kerze für die Abiturienten.

 

Liebe Mitchristen,
die Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten sind „Brückentage". Nicht deshalb, weil sie geschickt liegen, um sich von der Arbeit frei zu nehmen. Sie laden in besonderer Weise zum Gebet ein. Ein Gebet ist nichts anderes als eine geistliche Brücke: Auch da geht es um Beziehung, um Verbundenheit, um Hilfe und Beistand. Gleichzeitig schlagen wir in diesen neun Tagen einen Bogen in die Anfänge unserer Kirche: Die Apostelgeschichte berichtet, dass sich Maria mit den Jüngern nach der Himmelfahrt Jesu zum Gebet versammelt. Was genau sie beten ist uns nicht überliefert. Auf alle Fälle wollen sie sich im Gebet nach Christus ausstrecken, ihm nahe sein. Da höre ich im Hinterkopf gleich kritische und verständnislose Stimmen, die sagen: „Da sitzen mehr als ein Dutzend erwachsener Männer und Frauen gemeinsam im Kreis herum und haben nichts Besseres zu tun, als zu beten! Da gäbe es doch weitaus Sinnvolleres!" Vielen gemein ist die abschätzige Meinung, dass Beten unnütz und altbacken sei, höchstens vielleicht noch etwas für alte Leute, damit die was haben, woran sie sich halten können. Auch wir haben mit dem Läuten der Glocken zum besonderen Gebet eingeladen. Nutzlos? Sinnlos? Zeitverschwendung? Nein: Beten ist nicht nutzloses herumsitzen, ein Bild oder eine Kerze betrachtend. Beten ist nichts Statisches. Beten ist Bewegung, zwar keine körperliche, wohl aber eine geistig-geistliche Bewegung: Denn Beten ist Suche. Und suchen kann ich nicht, wenn ich die Augen schließe und nichts tue. Wer betet, sucht, ist im wahrsten Sinne des Wortes in einer Suchbewegung und kann allmählich zweierlei finden: Gott und sich selber. Gebet schlägt eine Brücke, schafft Beziehung. Im Gebet begegnet mir Gott als Du, als jemanden, den ich ansprechen kann und darf. Gebet gibt eine Antwort auf die Fragen, wer ich bin, woher ich komme und wohin ich gehe. Es hilft zu verstehen, dass alles aus Gott ist und einmal in Gott mündet. Ich kann im Beten das herausfinden, was mich im Leben tragen kann und auch was nicht, was Sinn gibt oder mich nur kaputt macht - und ich kann hören, was mein ganz persönlicher Auftrag in dieser Welt, in meinem Leben ist. Der Auftrag der Jünger damals lässt nicht lange auf sich warten: An Pfingsten haben sie ihn für sich klar: Sie sollen hinausgehen und ihren Glauben an Jesus Christus verkünden - ob man ihn hören will oder auch nicht. Christus selber gibt dazu im Heiligen Geist die Kraft. Und nun, da seine Freunde im Gebet Christus als das tragende Fundament in ihrem Leben entdecken können, fangen sie an, mutig Brücken zu ihren Mitmenschen zu bauen. Jesus schenkt ihnen dazu den Halt, den sie brauchen, um Grenzen und Gräben zu überwinden, auf andere zuzugehen und sich nicht zu verstecken. Sie sagen laut, an wen und an was sie glauben, an Jesus und seine Botschaft. Doch predigen sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten. Sie versuchen das Evangelium in ihrem Leben durch ihr Tun umzusetzen.


Liebe Schwestern und Brüder,
zum Christsein gehört beides: die Verbundenheit mit Gott und mit den Menschen. Als Gedächtnisstütze hilft mir das Zeichen des Kreuzes: Brücken bauen und leben nach oben, zu Gott hin, und gleichzeitig nach links und rechts zu meinen Mitmenschen. Wenn ich einen Balken verkümmern lasse, wegnehme, ist es kein Kreuz mehr. Wenn ich eine Brücke abreißen lasse oder zumache - entweder die nach oben oder die nach rechts oder links - bin ich nicht mehr in der Jesusnachfolge. Papst Franziskus sagt es so: „Wir Christen haben den beständigen Auftrag, Brücken der Beziehung zu errichten, einen Dialog um die Fragen des Lebens mit den anderen zu führen und dabei vor allem die Sorgen der Ränder - seien es die der Gesellschaft, seien es die der Religion oder der menschlichen Beziehungen - nicht außer Acht zu lassen. Christus ist der Grund, auf dem wir den Bau beginnen."
Mit Christus Brückenbauer sein: Das ist unser christlicher Auftrag, das ist das Zeichen, an dem man uns erkennt, unser Markenzeichen. Wer Brücken baut, der verwandelt die Welt. Er macht sie menschlicher, gnädiger, ist Botin und Bote der göttlichen Liebe. Unser großes Vorbild darin ist Jesus Christus. Eifern wir ihm nach. Amen.

Ihr Pfarrer Timo Weber