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Impulsgedanken zum Evangelium am 6. Sonntag der Osterzeit:

 

Weil wir einander lieben, halten wir Abstand und tragen wir Mund- und Nasenschutz. Am vergangenen Sonntag war Muttertag. Weil wir auch unsere Mütter und Omas lieben, die nicht mit uns im selben Haushalt leben, waren wir angehalten, zu ihnen Abstand zu halten. Irgendwie paradox! Liebe verbinden wir normalerweise mit Nähe, Umarmung... Nun müssen wir aus Liebe das Gegenteil tun: Abstand halten.

Wir könnten nun diskutieren, ob das alles nötig ist. Wir könnten auch andere Umgangsregeln ersinnen und von der Regierung fordern, wie das manche tun. Regeln helfen aber nur, wenn sie für alle einsichtig und vollziehbar sind. Am Anfang der Coronakrise haben sich der eine oder andere darüber lustig gemacht. Erst als das Virus auch vor prominenten Politkern und hohen Beamten nicht Halt gemacht hat, und sich Personen infiziert haben, die meinten, die Vorsichtsmaßnahmen seien überzogen, sind die meisten kleinlaut geworden.

Wir mussten einen mehrere Wochen langen Lernprozess durchlaufen, um mit dieser für manche Mitbürger lebensbedrohlichen Situation angemessen umgehen zu können. Vor allem mussten wir und müssen wir immer noch lernen, die Vorschriften dem Sinn nach anzuwenden und sie von Woche zu Woche neuen Erkenntnissen gemäß anzupassen. Es reicht nicht aus, dass wir dem Buchstaben des Gesetzes Genüge tun.

"Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten" und "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben...", lesen wir im Evangelium. Der Umgang mit den Geboten Jesu ist ähnlich anspruchsvoll wie der Umgang mit den Corona-Schutzmaßnahmen.
An sich sind die Gebote Jesu und die Gebote Gottes aus dem Ersten Bund ganz einfach. Sie lassen sich mit dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zusammenfassen oder an den zehn Fingern aufzählen. In der konkreten Anwendung ergeben sich aber endlose Diskussionen. Dabei stößt man auf viele Situationen, die sich nicht mit einem einfachen Gebots- und Verbots-Schema erledigen lassen. Auch hier müssen wir lernen, die Gebote Gottes und die Gebote Jesu dem Geiste nach anzuwenden. Wir kommen nicht umhin, die vielen Situationen und Sichtweisen zu diskutieren und unsere Umgangsformen entsprechend anzupassen.

Jesus hat den Jüngern einen Beistand verheißen, der sie im konkreten Leben begleiten wird. Das Liebesgebot Jesu und die Gebote Gottes müssen in jeder Herausforderung des konkreten Lebens neu ausformuliert werden. Die Annahme der uns infolge der Pandemie auferlegten Einschränkungen können wir als ein Gebot der Nächstenliebe sehen. Die Nächstenliebe fordert das jetzt von uns!

Ähnliches gilt aber auch für alles andere, das auf uns zukommt. In jeder Epoche mussten sich die Menschen auf neue Entwicklungen einstellen und neue Regeln formulieren. Diese Gesetze und Vorschriften ins persönliche Legen zu integrieren, ist auch ein Gebot der Nächstenliebe. Nur so kann ein gedeihliches Miteinander gelingen. In ähnlicher Weise werden wir aber auch für die Klimakrise und für die gewaltigen politischen und weltwirtschaftlichen Umwälzungen, die auf uns zukommen, passende Lösungen finden müssen. Uns an diesem Suchprozess zu beteiligen, sind wir auch als Christen gefordert.

Die Zusage Jesu, dass uns der Heilige Geist beistehen wird, ist mehr als eine nebulöse spirituelle Verheißung. Sie hat für uns ganz konkrete Bedeutung. Wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns auch in diesen scheinbar banalen und nichtreligiösen Lebensbereichen begleitet. Wir dürfen darauf vertrauen, dass uns der Heilige Geist in allen gegenwärtigen und künftigen kleinen und großen Herausforderungen beistehen und zu guten Lösungen führen wird.

Das Finden von guten Regeln und Wegen im Umgang mit alten und neuen Herausforderungen ist eine Seite, die wir mit dem Wirken des Heiligen Geistes in Verbindung bringen können. Noch eine andere Seite, die auch als Wirken des Heiligen Geistes betrachtet werden kann, ist im Zuge der Coronakrise sichtbar und spürbar geworden: Die hohe Bereitschaft zu Solidarität, gegenseitige Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme hat viele überrascht. Auch darin spüren wir Heiligen Geist und etwas von der Liebe des Vaters, die uns Jesus im Evangelium zugesagt hat. Auch unser ziviles Leben hat eine spirituelle Dimension, die für unser Christsein bedeutsam ist.